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Full text of "Schulpsychologie und Schülerpflege"

Beiträge 

zur schwedischen 
Schulreform 




Marburger Forschungsstelle für 
Vergleichende Erziehungswissenschaft 4 



Gerd Iben, Bernhard Bierschenk 
Schulpsychologie und Schülerpflege 



Die Möglichkeiten und Probleme der schwedischen 
Schulpsychologie lernten wir in zwei verschiede- 
nen Formen kennen: 

10 als schulpsychologischen Dienst in Göteborg; 
2) als Teil der Schülerpflege innerhalb des 

Grundschulsystems Uppsalas. 
Im folgenden werden einige Informationen über die 
genannten Institutionen wiedergegeben. Außerdem 
wird ein Bericht B. Bierschenks angefügt, der 
sich über den Rahmen unserer Exkursion hinaus 
gründlich mit der schwedischen Schulpsychologie 
befaßt hat. 

1.) Zum "schulpsychologischen Dienst" der Stadt 
Göteborg gehören drei Psychologen, die neben 
entsprechendem institutseigenem Hilfspersonal 
von besonders geschulten Lehrern unterstützt 
werden. Durch sie werden jährlich annähernd 4 000 
Schüler (= 8 % aller Schüler Göteborgs) mit 
Schulreifetests, Beruf seignungs- und Studieneig- 
nungsprüfungen und bei Schulschwierigkeiten un- 
tersucht. 



111 



Neben den genannten diagnostischen Aufgaben wer- 
den auch Beratung und Psychotherapie wahrge- 
nommen. Eine mit Hypnose arbeitende Psychologin 
versucht auf diesem Wege, Schulschwierigkeiten 
zu behandeln. Diese Hypnose wurde uns auf 
Tonband vorgeführt. Dazu ist kritisch zu be- 
merken, daß zwar Ermunterung und Stärkung des 
Selbstbewußtseins, die durch die Hypnose ange- 
strebt werden, in den meisten Fällen notwendig 
und richtig sind, daß aber eine Standardhypno- 
se, der nicht einmal eine ausreichende Diagnose 
des Falles vorausgegangen ist, kein angemesse- 
nes Therapeutikum für die in jedem Falle doch 
anders gelagerten Schwierigkeiten darstellen 
kann. Auf die Frage nach dem Erfolg dieser Me- 
thode konnte auch keine plausible Begründung für 
dieses Verfahren angegeben werden. (Bei diesem 
Besuch wurde auch eine Einführung in das schwe- 
dische Spezialklassen- und Sonderschulwesen ge- 
geben. Darüber soll in einem besonderen Abschnitt 
berichtet werden.) 



2.) Der Vortrag eines Schulpsychologen in Uppsa- 
la ging besonders auf die Stellung der Schulpsy- 
chologie innerhalb der schwedischen Schülerpfle- 
ge ein. Er entwarf dazu folgendes Schema: 



112 



Schülerpflege 




Vertreter der verschiedenen Jugendhilfeinstitu- 
tionen arbeiten in einem Team ständig und eng in- 
nerhalb der Schule zusammen. Ihre Zusammenarbeit 
ist also nicht sporadisch und nach Bedarf gefor- 
dert, sondern Institution. Das genannte Team ist 
fester Bestandteil des Schulsystems. Seine Arbeit 
steht in enger Verbindung mit derjenigen der ver- 
tretenen Jugendhilfeeinrichtungen und der Spezial 
klassen und Sonderschulen. 

Zentrale Anliegen dieses Teams sind physische 
und psychische Schulhygiene, Schüler lenkung und 
Behandlung von Schulschwierigkeiten, die auch 
Elternberatung, besonders durch den Schulfürsor 
ger, einschließt. Der Schulpsychologe ist dabei 
in der Hauptsache an der Diagnose beteiligt, 



schlägt aber auch Behandlungsmethoden oder die 
Einweisung in Spezialklassen oder Beobachtungs- 
klassen vor. Z.Zt. arbeiten bei 9.000 Grundschü- 
lern (mit Gymnasien 12.000 Schülern) in Uppsala 
zwei Schulpsychologen. Zwei weitere Stellen wer- 
den angestrebt. (Zur Verdeutlichung der Relation 
zu unseren Schulpsychologen: Im Stadt- und Land- 
kreis Marburg arbeitet bei über 50.000 Schülern 
eine Schulpsychologin mit nebenamtlichen Mitarbei- 
tern, die aber außerdem selbst Schule halten und 
die Betreuung der Legastheniker übernehmen muß.) 
Routinemäßig werden jährlich alle Schüler des 1 . , 
3. und 6. Schuljahres mit Eignungstests, außerdem 
5 - 6 % aller Schüler wegen Schulschwierigkeiten 
untersucht. Man rechnet heute mit 10 - 12 % al- 
ler Schüler, die wegen irgendwelcher Schulschwie- 
rigkeiten untersucht und behandelt werden müßten. 
Gegenüber früheren Jahren läßt sich ein Anstieg 
der Schulschwierigkeiten bemerken, der aber nicht 
statistisch belegt werden kann, da es an exakten 
Längsschnittuntersuchungen fehlt. Es ist eher 
zu vermuten, daß die feineren Erfassungsmethoden 
und das stärkere Eingehen auf Schulschwierigkei- 
ten diese deutlicher als in einem früheren auto- 
ritären Schulsystem aufdecken. Interessant ist, 
daß fast zwei Drittel der auffälligen Schüler 
Jungen sind. 

Schulschwierigkeiten der Schüler sind in vielen 
Fällen eine Frage an den Lehrer und an seinen 



114 

Ausbildungs stand. Hier gilt es noch viel zu re- 
formieren . 

Anmerkung: An dieser Stelle sei noch darauf hin- 
gewiesen, daß an der Schülerpflege auch die schwe- 
dische Schülergev/erkschaft SECO mit eigenem Pro- 
gramm (Schülererholung etc.) beteiligt ist. Siehe 
dazu z.B. SECO 's Schriftserie 2 "Skolans ElevrSd". 
Stockholm 1965, S.192 ff., insbesondere S.209 ff. 

Als ein Teil der Schülerpflege und seelischen 
Schulhygiene wurde in Schweden auch die obligato- 
rische Sexualaufklärung verstanden. Allerdings 
ist sie weitgehend in die Hände der Lehrer ge- 
legt, insbesondere der Biologie-Lehrer. In neu- 
erer Zeit beginnt man auch mit programmierter Un- 
terweisung und Schulfernsehunterweisung. Da wir 
selbst aber lediglich Lehrbücher sahen und kei- 
nen Sexualunterricht erlebten, sei dieses Thema 
hier ausgeklammert. 

3.) Es folgt nun eine ausführlichere Darstellung 
zur Entwicklung und zum Stand der schwedischen 
Schulpsychologie von B. Bierschenk. 

Heute haben Dänemark, Norwegen, USA, Frankreich 
und Schweden die am besten entwickelten schulpsy- 
chologischen Organisationen, und die Zahl der 
Schulpsychologen steigt stark an. Noch zu Beginn 
der fünfziger Jahre war diese Berufsgruppe in 



115 



Schweden nahezu unbekannt, obwohl es - ähnlich 
wir in den USA und England - schon seit 1930 in 
den größeren Städten psychologische Beratungs- 
büros gab, die ganz auf eine psychiatrische Tä- 
tigkeit ausgerichtet waren. 

Der Keim für die heutige schulpsychologische Ar- 
beit wurde jedoch schon durch die Schulkommission 
von 1946 in ihrem Gutachten (SOU 1948 : 27, S. 
444-465) gelegt. Hier wurden Aufgaben psycholo- 
gisch-pädagogischer Beratung und Organisation, 
die Ausbildung von Schulpsychologen, die Anwen- 
dung von Testmethoden in der Schule sowie ver- 
schiedene Testformen und Untersuchungsmethoden 
behandelt. Diese Skizzierung schulpsychologischer 
Arbeit durch die Schulkommission wurde für die 
weitere Entwicklung der schulpsychologischen Ar- 
beitsweise sowie deren Prägung richtungweisend. 

Zur Organisation der schulpsychologischen Arbeit 
wurde von der Kommission vorgeschlagen, jedem 
staatlichen Inspektionsgebiet einen Schulpsycholo- 
gen zu geben, der in den Kommunen von Lehrern mit 
einer zusätzlichen psychologischen Ausbildung un- 
terstützt werden sollte. Größere Schuldistrikte 
sollten die Möglichkeit erhalten, mit staatlicher 
Unterstützung eigene Schulpsychologen anzustellen. 
Die zentrale Leitung für die schulpsychologische 
Tätigkeit sollte bei der Königl. Generalschuldirek- 
tion (heute Sö) liegen. So wurde in Göteborg be- 



116 



reits 1949 eine Dienststelle für einen Schulpsy- 
chologen eingerichtet. 1953 bekam die General- 
schuldirektion ihren ersten Schulpsychologen. 

Als 1955 in Lund eine schulpsychologische Dienst- 
stelle eingerichtet wurde und auch andere Gemein- 
den bald dieser Entwicklung folgten, bedeutete 
das einen großen Fortschritt im Hinblick auf ei- 
ne umfassendere schulpsychologische Wirksamkeit . 

1963 waren bereits 20 Schulpsychologen angestellt. 

1964 schrieb Stockholm - hier wohnen 15 % der Ge- 
samtbevölkerung Schwedens - seine ersten 11 schul- 
psychologischen Stellen aus. 

Seit Ende der fünfziger Jahre wurden in der von 
der Schulkommission skizzierten Form in wachsen- 
der Zahl staatliche Dienststellen für Psycholo- 
gen eingerichtet. 1963/64 gab es 7 "länskolpsy- 
kologtjänster" (Dienststellen bei den Regierungs- 
bezirksschuläratern) . Die zentrale Leitung der 
schulpsychologischen Arbeit für das ganze Land 
liegt bei der Sektion UA 3 innerhalb der Unter- 
richtsabteilung für Fragen des allgemeinbilden- 
den Schulwesens. Z.Zt. sind bei 11 von 24 "län- 
skolnämnder" Dienststellen für Schulpsychologen 
eingerichtet (Västmanlands län, Uppsala län, 
Jämtlands län, Skaraborgs län, Värmlands län, 
Jonköpings län, Kristianstads län, Västerbottens 
län, Gävleborgs län, Kalmar län, Älvsborgs län) . 
Ab 1.7.1967 gibt es 13, ab 1968 wird es 15, 1969 



17, 1970 19 und 1971 dann 21 Schulpsychologen 
auf läns-Ebene geben. Auf kommunaler Ebene sind 
z.Zt. 70 - 80 "Assistentpsychologen" oder "psy- 
kolog-biträdande" vollzeitlich angestellt. Hinzu 
kommen Lehrer mit einer herabgesetzten Pflicht- 
stundenzahl (4-12-14) für bestimmte schulpsycho- 
logische Aufgaben. 

Eine Schule der "Schülerpflege" 

"Im Zentrum der Erziehungsarbeit der Schule steht 
der einzelne Schüler." Die Grundschule ist al- 
so eine auf den einzelnen Schüler ausgerichtete 
Schule. Und weiter heißt es: "Das Bedürfnis des 
Individuums und die Forderungen der Gesellschaft 
in verschiedener Hinsicht sind bestimmend für In- 
halt, Form und Organisation der Schularbeit. Die- 
se muß allen Schülern der Schule, einer heteroge- 
nen Schar von Individuen, die sich in ständiger 
Entwicklung befinden und die die unterschiedlich- 
sten Persönlichkeits- und Begabungstypen vertre- 
ten, angepaßt sein." Diese Individualisierung 
und Anpassung des Unterrichts an das Begabungs- 
niveau und den Begabungstyp des einzelnen Schü- 
lers, wie es in den allgemeinen Richtlinien vor- 
geschrieben wird, kann nur teilweise durch die 
Arbeit des Lehrers in der Klasse erreicht werden. 
Die Forderung nach Berücksichtigung des einzel- 



1) Lgr. S.13 



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nen Schülers kann nur dann erfüllt werden, wenn 
eine Schülerpflege ausgebaut wird. Selbstverständ- 
lich fällt dabei die wichtigste und schwerste 
Aufgabe nach wie vor dem Lehrer zu. "Die Fürsorge 
um die geistige und körperliche Gesundheit des 
Schülers soll die Arbeit und das Arbeitsmilieu 
der Schule prägen. Die Verantwortung, den Schü- 
lern Gesundheits fragen nahezubringen, fällt in 
erster Linie dem Lehrer zu. Aber der Schularzt 
und die Schulschwester, der Schulpsychologe und, 
soweit vorhanden, der Kurator sollen hierzu bei- 
tragen." (Lgr. S.17) Der Lehrer soll die einzel- 
nen Schüler kennenlernen, ihre individuellen Vor- 
aussetzungen, ihre persönlichen Verhältnisse und 
ihren sozialen Hintergrund. 

Arbeitsaufgaben des Schulpsychologen 
Sie umfassen in der Regel: 

1. Interviews (Schüler, Lehrer, Eltern u.a.); 

2. Tests (Anlagetests, Intelligenztests, Kenntnis- 
tests) ; 

3. Kenntnisnachweis (Zeugnisse, "standardprov" , 
Lehrerauskunft) ; 

4. Untersuchung der Interessen, 

5. der emotionalen Faktoren, 

6. der sozialen Faktoren, 

7. der speziellen Schulschwierigkeiten, 

8. der sozialen Anpassung; 

9. Untersuchungen zur Studien- und Berufsorientie- 
rung . 

Welche Methoden und welches Material ein Schul- 
psychologe bei seiner Arbeit anwenden wird, ist 
durch die jeweilige Fragestellung der einzelnen 
Untersuchung bestimmt. 



119 



Folgende Aufgaben kann man jedoch zu dem Arbeits- 
gebiet eines Schulpsychologen rechnen: 

1. Schulreifeuntersuchungen; 

2. Psychologisch-pädagogische Untersuchungen von 
Lernschwierigkeiten bei Schülern. Sind diese 
rein psychischer Natur, muß er auch geeig- 
nete pädagogische Maßnahmen vorschlagen um 
Abhilfe zu schaffen. 

a) Untersuchungen über Ursachen von Lese- und 
Schreibschwierigkeiten; 

b) Untersuchungen der Intelligenzstruktur und 
des Intelligenzniveaus des einzelnen Schü- 
lers; 

c) Untersuchungen von Kindern mit Schulschwie- 
rigkeiten auf Grund von speziellen Behin- 
derungen; 

3. Untersuchungen von Kindern mit Verhaltensstö- 
rungen; 

4. Psychologisch-pädagogische Untersuchungen der 
Schüler beim Übergang zwischen den verschie- 
denen Schulstufen; 

5. Untersuchungen im Zusammenhang mit der Berufs- 
orientierung ; 

6. Testpsychologische Untersuchungen als Hilfs- 
mittel für die Planung des Unterrichts; 

7. Beratung der Eltern in Erziehungsfragen und 
Vermittlung allgemeiner psychologischer In- 
formationen; „ 

8. Zusammenarbeit mit Institutionen für die Schul- 
gesundheitspflege und Sozialpflege und mit 
wissenschaftlichen Institutionen; 

9. Eine komplizierte Aufgabe stellt sich dem 
Schulpsychologen in den Schulschwierigkeiten, 
die nicht nur rein psychisch bedingt sind, 
sondern auf Seh- und Hörfehler, Geburtsschä- 
den und Hirnerkrankungen, emotionale und sozi- 
ale Störungen sowie auf ernstere Erkrankungen 
zurückgehen. Bei dieser Art von Schulschwie- 
rigkeiten muß eine intensive Zusammenarbeit 



120 



zwischen Schulpsychologe, Schularzt, Schul- 
schwester und in bestimmten Fällen auch mit 
Kinderpsychiatern und Jugendämtern gepflegt 
werden. 

Der Schulpsychologe ist nicht zuletzt auch ver- 
pflichtet, aufmerksam der Entwicklung auf dem 
Gebiete der Schulpsychologie zu folgen und kon- 
sequenterweise den Schulrektoren und -direktoren 
geeignete Vorschläge zu unterbreiten. Doch ist 
man sich auch klar darüber, daß der einzelne 
Schulpsychologe, bedingt durch seine tägliche Ar- 
beit, keine direkte Forschungsarbeit zu leisten 
vermag. Seine Aufgabe ist es auf keinen Fall, 
auf eigene Faust Maßnahmen zu treffen und "Quack- 
salberei" zu betreiben. Die Verantwortung für 
die schülerpflegende Arbeit liegt beim Rektor, 
beim einzelnen Lehrer und besonders beim Klassen- 
lehrer, über geeignete Maßnahmen, z.B. Schüler 
in Spezialklassen zu unterrichten oder ihnen ei- 
nen besonderen Spezialunterricht zu erteilen, 
entscheidet nach § 42 Skollag 1962 allein der 
Rektor . 

Eine weitere und sehr wesentliche Aufgabe eines 
Schulpsychologen ist das Bemühen, in die Welt 
der Schule eine psychologische Betrachtungsweise 
einzuführen. 

Der Schulpsychologe ist demnach kein Forscher, 
der nur passiv feststellt und notiert. Er ver- 
sucht aktiv, auf das Milieu einzuwirken, in wel- 



121 

chem er arbeitet. Die psychologische Betrachtungs- 
weise, die bei Gesprächen mit Lehrern, Schullei- 
tern, Schülern und Eltern verbreitet werden kann, 
sucht die Ursachen des unterschiedlichen mensch- 
lichen Verhaltens zu verstehen, nicht aber über 
Abweichungen zu urteilen oder etwa gar sie zu 
verurteilen, und bemüht sich, Abhilfe zu schaf- 
fen. 

Ein geschwätziger, unerzogener und trotziger 
Schüler wird sicherlich dadurch nicht besser, 
daß man Klassenbucheintragungen vornimmt oder 
die Verhaltensnote senkt. Hier gilt es für den 
Schulpsychologen, neue Gesichtspunkte einzufüh- 
ren und neue Wege zu weisen. Seinen ersten Nie- 
derschlag hat diese Betrachtungsweise im Lehr- 
plan für das neue Gymnasium gefunden. Künftig 
wird es auf dieser Schulstufe keine Verhaltens- 
noten mehr geben. (elevrSd, en skola i demokrati, 
S. 36) Der Schulpsychologe kann z.B. das Verhal- 
ten eines Schülers als eine Konzentrationsstö- 
rung erklären, eine Unruhe als Folge von Überfor- 
derungen von seiten der Schule oder des Elternhau- 
ses oder etwa als eine vorübergehende Pubertäts- 
krise u.ä. (Lgr. S.83) 

Erklärungen reichen jedoch nicht aus; diesen müs- 
sen Maßnahmen folgen. Die Aufgabe des Schulpsy- 
chologen liegt vor allem im Wirken für die Ein- 
richtung von Spezialklassen, die die störenden 



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Kinder betreuen und ihnen helfen sollen, ihre 
Schwierigkeiten zu überwinden. Die wichtigste 
Aufgabe des Schulpsychologen besteht gerade darin, 
für eine "schülerpflegende" Einstellung zu sor- 
gen und diese zu fördern. Seine Vorschläge wer- 
den die Unterrichtsarbeit für den Lehrer erleich- 
tern und diese erfolgreicher gestalten. 



Für die Psychologen bei den " länskolnämnder " wur- 
den von der Schulkommission von 1957 in ihrem 
Gutachten (SOU 1961:30, S. 425-426) bestimmte all- 
gemeine Richtlinien für ihre Arbeit angegeben, 
die ich hier in gekürzter Form aufführen möchte. 
Der "länskolpsykolog" (Berzirksschulpsychologe) 
sollte 

1. versuchen, eine Koordinierung und Intensivie- 
rung in der kommunalen schulpsychologischen 
Arbeit zu erreichen; 

2. kommunale Initiativen anregen; 

3 . in seiner Inf ormations- und Aufklärungsarbeit 
die schulpsychologischen Gesichtspunkte zu 
Erziehungsfragen objektiv vertreten; 

4. in besonderen Fällen aktiv an Aufgaben mitar- 
beiten, die der Differenzierung, den direkten 
Anpassungsproblemen und der Schülerpflege gel- 
ten; 

5. mit Schulleitern, Lehrern, Ärzten, Kuratoren, 
Studien- und Berufsberatern, für schulpsycho- 
logische Arbeitsaufgaben kommunal angestellten 
Personen sowie mit den Behörden zusammenarbei- 
ten, so daß die schulpsychologische Arbeit in 
ihrem vollen Umfang auf die beste Art und Wei- 
se gefördert wird; 

6. nach Bedarf besondere Experten heranziehen oder 
Gutachten zur Stellungnahme weitergeben (so- 
gen, remiss) , sowie 

7. Kontakte zur psychologischen und pädagogischen 



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Forschung halten und bei der Ausarbeitung von 
neuen Methoden auf dem schulpsychologischen 
Gebiet im Umfang, wie es seine Arbeitsaufga- 
ben erlauben und erfordern, mitwirken. 

Diese allgemein gehaltenen Anweisungen sagen al- 
lerdings nichts darüber aus, wie sich die Wirk- 
samkeit des Schulpsychologen in der konkreten 
Praxis gestalten soll. Das ist damit auch keines- 
falls beabsichtigt. Die oben angeführten allge- 
meinen Anweisungen sollen nur einen "Rahmenplan" 
darstellen, der es dem einzelnen Schulpsycholo- 
gen auf läns-Ebene ermöglicht, sein Arbeitsfeld 
weitgehend frei zu entfalten und zu entwickeln. 

Die Organisation der schulpsychologischen Arbeit 

Es gibt viele denkbare Modelle für die Organisa- 
tion der schulpsychologischen Arbeit. Im wesent- 
lichen wird sie sich jedoch nach der Größe des 
Ortes und den besonderen Verhältnissen richten. 
Die Arbeit eines "länskolpsykolog" wird sich in 
der Regel anders gestalten als die eines Psycho- 
logen an einer Lehrerhochschule, einer Versuchs- 
schule oder die eines kommunal angestellten Psy- 
chologen. In den meisten Fällen ist der kommunal 
angestellte Psychologe dem "skoldirektör " (Schul- 
direktor) direkt unterstellt. 



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Beispiele schulpsychologischer Arbeit 

1. ) In Väster§s, einer Stadt mit ca. 10 000 
Schülern, arbeitet ein Schulpsychologe in enger 
Zusammenarbeit mit dem Schularzt und der Schul- 
schwester. Die Sprechstunden werden an den ein- 
zelnen Schulen abgehalten. Die Schulschwester be- 
nennt die Schüler, die für eine Untersuchung vor- 
gemerkt wurden, und der Schulpsychologe fertigt 
ein Gutachten über die aktuellen Schulschwierig- 
keiten an. Dieses Gutachten wird durch ein sozial- 
medizinisches Gutachten, erstellt durch die Schul- 
schwester, und eine Untersuchung durch den Schul- 
arzt ergänzt. 

Im Schuljahr 1960/61 konnten auf diese Weise 560 
Schüler untersucht werden. Zusätzlich wurden aber 
noch Intelligenztests und Lese- und Schreibunter- 
suchungen von Lehrern mit einer Spezialausbildung 
durchgeführt, die der schulpsychologischen Ar- 
beit bei herabgesetzter Pflichtstundenzahl zuge- 
ordnet waren. Diese Untersuchungen betrafen 830 
Schüler. Ferner wurde eine Reihe von Intelligenz- 
Gruppentests in einigen Schuljahren durchgeführt. 

2. ) In Stockholm begann man 1964 die schulpsycho- 
logische Arbeit auf folgende Weise zu organisie- 
ren: 

Nach dem Vorschlag des "Mental-Komitees" (für 
Schulhygiene) sollen die Schulpsychologen wie 



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"Zahnräder" in einem Team, bestehend aus: Schul- 
arzt, Schulschwester, Berufswahllehrer und Kura- 
tor und Schulpsychologe, wirken. 

Schulpsychologe, Schulschwester und eventuell 
Berufswahllehrer und Kurator haben den unmittel- 
baren Kontakt mit den einzelnen Schulen und be- 
kommen so die ersten Kenntnisse über einen Pro- 
blemfall. Sie können danach diesen zur Stellung- 
nahme an ein Schülerpflegebüro zur weiteren Un- 
tersuchung und Beratung überweisen. Ein solches 
Schülerpflegebüro soll aus einem Rektor, einem 
Rektor-Assistenten und einem Rektorsekretär, 
einem Psychologen (mit höherer Kompetenz) , einem 
Psychiater und einem Kurator bestehen. In diesem 
Team hat der Rektor die administrative Leitung 
der Arbeit. Der Hauptteil der administrativen 
Arbeit wird indessen vom Rektor-Assistenten wahr- 
genommen. Damit wird der Rektor frei für den 
größeren Teil seiner Arbeit, nämlich zur Anlei- 
tung von Lehrern in Spezialklassen und für den 
besonderen Spezialunterricht . Auf diese Weise 
gewinnt der Rektor einen notwendigen Einblick in 
die Arbeitsweisen und Unterrichtsformen und ver- 
mag dadurch leichter, die Schüler in die geeigne- 
ten Klassen einzustufen. 

Die Aufgabe des Schulpsychologen im Rahmen des 
Schülerpflegebüros besteht zum größten Teil aus 
Beratung und eingehenden Untersuchungen. 



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Dem Psychiater obliegen die Aufgaben in Zusammen- 
hang mit psychischen Krankheiten, während sich 
der Kurator vornehmlich mit der sozialen Begut- 
achtung des Falles sowie Elternhausbesuchen, Kon- 
taktaufnahmen mit Jugendämtern und anderen sozial- 
pflegerischen Organen beschäftigt und hilft, die 
Schüler in die verschiedenen Spezialklassen umzu- 
schulen bzw. sie zur Krankenpflege oder in ein 
Internat zu überweisen (Sköldenborginstitut in 
Hä Isingborg) . 

Neben den drei Schülerpflegebüros und den einzel- 
nen Assistentpsychologen bei den Rektoraten - 
jedes fünfte Rektorat hat einen Psychologen - 
gibt es in der Schulverwaltung einen Chefpsycho- 
logen, der die schulpsychologische Arbeit aus 
fachpsychologischen Gesichtspunkten zu verantwor- 
ten hat. Er ist z.B. für die Wahl der Tests und 
anderer diagnostischer Methoden, u.a. für die 
Ausarbeitung von Hilfsmitteln zur Schülerbeurtei- 
lung durch den Lehrer, verantwortlich. Schließ- 
lich gehört auch zu seinem Aufgabenbereich, Leh- 
rer für besondere Untersuchungsaufgaben auszu- 
bildung und die Praktika der in der Ausbildung 
befindlichen künftigen Schulpsychologen zu be- 
treuen. 

Der Unterschied in der Organisation der schulpsy- 
chologischen Arbeit zwischen den Großstädten und 
den kleineren Kommunen besteht im wesentlichen in 



127 



der Verteilung der Aufgabenbereiche. Größere 
Städte haben reichere Möglichkeiten zur Speziali- 
sierung als kleinere Städte oder Landkommunen. 

Die schulpsychologischen Untersuchungsarbeiten 
beruhen auf enger Zusammenarbeit mit dem gesamten 
Personal der Schule (vgl. Lgr. S.21) und dürfen 
sich niemals nur auf einzelne Beobachtungen oder 
nur auf Testresultate stützen, die der Schulpsy- 
chologe allein von einer Schülergruppe oder ein- 
zelnen Kindern gesammelt hat. Es darf auf keinen 
Fall der Eindruck entstehen, daß er mit Hilfe von 
"magischen Testresultaten" eine diktatorische 
Macht ausübt. Seine Aufgabe besteht ausschließ- 
lich darin - das sei hier noch einmal besonders 
betont - mit seinen Gutachten tiefere Einsichten 
und ein größeres Verständnis für die Schwierig- 
keiten der Schüler zu schaffen. 

Die schulpsychologische Untersuchung 

Der Schwerpunkt der schulpsychologischen Untersu- 
chung liegt auf der Beobachtung des Kindes im 
Klassenraum, auf dem Schulhof und in Testsituatio- 
nen. Durch Gespräche mit den Lehrern, der Schul- 
schwester und den Eltern des Kindes erhält der 
Schulpsychologe außerdem wertvolle ergänzende 
Informationen über das Kind. 

Eine Untersuchung kann sich in besonderen Fällen 
über Jahre erstrecken, und zwar dann, wenn der 



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Schulpsychologe durch seine Kontakte mit den Leh- 
rern und Eltern des Kindes beobachtet, wie die 
verschiedenen pädagogischen Behandlungen auf die 
Entwicklung des Kindes einwirken. In den meisten 
Fällen handelt es sich jedoch um Untersuchungen, 
die sich auf einige Stunden oder Tage erstrecken. 

Vergleicht man die Arbeit eines Schulpsychologen 
mit der Arbeit eines Beratungsbüros oder einer 
kinderpsychiatrischen Klinik, die für diese Ein- 
richtung von einem Spezialistenteam bestimmt 
wird, so steht die Arbeit eines Schulpsychologen 
unter ungünstigeren Bedingungen. Er muß oft Un- 
tersuchungen und Gutachten unter Zeitdruck er- 
stellen, weil sie z.B. vom Rektor angefordert 
werden, um Spezialklassen, Lese- und Sprechklas- 
sen, besonderen Unterricht für rechen-, seh- und 
hörschwache Schüler einzurichten oder anzuordnen. 

Für eine erfolgreiche Tätigkeit darf nach Ansicht 
von H. Egidius das Tätigkeitsfeld eines Schul- 
psychologen nicht mehr als 3 000 bis 5 000 Schü- 
ler umfassen. 

Eine allgemeine Bemerkung zur Situation des Schul- 
psychologen 

Der Lehrplan für die Grundschule hat der Schul- 
psychologie einen festen Platz im Rahmen der 
"Schülerpflege" in der Schule zugewiesen. Heute 



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wird kaum noch eine Maßnahme sozialer und/oder 
psychologischer Natur von seiten der Schulbehörde 
ergriffen, wenn nicht eingehende und sorgfältige 
Untersuchungen sowohl psychologischer als auch 
medizinischer Art vorliegen. Noch vor wenigen 
Jahren wurden die psychologischen Untersuchungen 
von den Ärzten nicht als notwendige Voraussetzung 
weiterer Untersuchungen angesehen. Heute findet 
man kaum noch einen Arzt, der bereit wäre, ohne 
ein schulpsychologisches Gutachten zu arbeiten.